Parasitär

Von Ralf gibt es weiterhin keine Spur. Stattdessen gibt es allerdings ein paar neue Gerüchte und einen neuen Artikel vom Spiegel. Dieser könnte hier nachgelesen werden, wenn man den Spiegel kostenpflichtig abonniert hat. Für diejenigen auf die das nicht zutrifft, kann der Artikel auch bei archive.is (Archiv vom Archiv) nachgelesen werden oder direkt hier:

Drachenlord: Der YouTuber Rainer Winkler über Hass im Internet und Cybermobbing

Der Drachenlord hat Campingkocher und Isomatte dabei. Außerdem einen Koffer und einen Rucksack – mehr braucht er nicht für die paar Dinge, die ihm noch geblieben seien von seiner Karriere als Internetberühmtheit, sagt er. Sein Haus und sein Auto sind weg, ebenso sein Einkommen von mehreren Tausend Euro pro Monat. Immerhin hat er noch seinen Stolz und seinen Willen. Was nicht selbstverständlich ist, wenn man seine Geschichte kennt.

Mit Mitte zwanzig fing Rainer Winkler an, sich Drachenlord zu nennen und Videos ins Netz zu laden. Zunächst nur aus Spaß, später als Beruf. Doch die Aufmerksamkeit, die er suchte, begann sich schnell gegen ihn zu wenden, er wurde gemobbt, zur Zielscheibe. Seine Gegner eint ein eigenartiger, schwer erklärbarer Hass auf Winkler, auf sein Aussehen, sein Auftreten, seine vor Gericht festgestellte »Intelligenzminderung«, auf alles, was er macht. Sie nennen sich Hater und organisieren sich in Gruppen mit Tausenden Mitgliedern. Während ihre Angriffe zunächst aufs Netz beschränkt waren, sind sie inzwischen längst übergeschwappt, ins echte Leben.

Heute, mit 33 Jahren, ist Winkler ein Ausgestoßener. Einer, mit dem seine Feinde machen, was sie wollen – vogelfrei, hieß das früher.

Es ist ein Donnerstagvormittag in einem Hotel in Mittelfranken. Rainer Winkler trägt eine etwas abgewetzte, hellgraue Hoodie-Jacke. Es ist das erste Mal, dass er ausführlich mit einem Journalisten spricht. Es hat ihn Überwindung gekostet, er weiß nicht mehr, wem er trauen kann – und wer ihn verraten wird.

Dann beginnt er zu erzählen, wie er aus seinem Haus getrieben und obdachlos wurde. Wie er seitdem durch Deutschland irrt, von Unterschlupf zu Unterschlupf, selten länger als zwei Tage am selben Ort. Auf der Flucht vor dem Mob.

Er klingt abgeklärt, routiniert, selbst wenn er von den Angriffen auf sich erzählt, mit Buttersäure und brennenden Fackeln. Oder von den eingeworfenen Fensterscheiben, von der falschen Freundin, die ihn öffentlich bloßstellte, als er in einem Live­stream um ihre Hand anhielt. »Ich habe auch mehrfach in den Lauf einer Pistole geguckt«, sagt er. »Das waren zwar Schreckschusswaffen, aber das weiß man ja in der Situation nicht.«

Das Gespräch hat kaum begonnen, da holt ihn schon der Mob ein. Das Zimmertelefon klingelt. Der Hotelmanager ist dran. Man habe gesehen, dass Winkler wenige Minuten zuvor das Gebäude betreten habe. Er habe hier Hausverbot. Das Hotel müsse seine Gäste und Mitarbeiter schützen, vor Winklers Verfolgern.

Für die ist die Jagd auf Winkler ein Spiel, sie nennen es das »Drachen-Game«. Sie ergötzen sich daran wie an einem Onlinespiel, nur dass dieses hier real ist, mit einem Opfer aus Fleisch und Blut. Gespielt wird nach den Regeln der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie, je krasser die Demütigungen, umso mehr Applaus gibt es für die Peiniger.

Sie recherchieren seinen Standort, veröffentlichen die Adresse in ihren Chatgruppen und terrorisieren dann Hotels und Pensionen – etwa indem sie die Feuerwehr rufen.

Sie geben keine Ruhe, bis Hotelmanager und Gastgeber keine andere Möglichkeit mehr sehen, als Winkler vor die Tür zu setzen. Er muss sich ständig eine neue Bleibe suchen – oder die Isomatte ausrollen und unter freiem Himmel übernachten. Wie lange hält ein Mensch das aus?

Manchmal brechen Verzweiflung und Wut durch seine Stimme, vor allem, wenn er erzählt, dass ihm Polizei und Behörden in all den Jahren nicht wirklich geholfen hätten. »Zwischenzeitlich kam mir der Gedanke, was passieren würde, wenn ich mich umbringe«, sagt er. Aber dann hätten die Hater ja gewonnen. »Das will ich nicht.«

SPIEGEL: Herr Winkler, wo übernachten Sie gerade?

Winkler: Das kann ich nicht verraten, sonst stehen wieder die Hater bei mir auf der Matte. Insgesamt war ich inzwischen in 60 bis 80 Hotels, Pensionen oder Unterkünften. In weit mehr als der Hälfte der Fälle haben die Hater herausgefunden, dass ich dort bin, und dafür gesorgt, dass ich gehen muss.

SPIEGEL: Wie läuft das ab?

Winkler: Ich verstoße nie gegen irgendwelche Regeln, aber die Hater belästigen die Mitarbeiter und die Unterkunft so lange, bis ich rausgeschmissen werde. Das läuft über Telefonterror, oder es werden massenweise Pizzen zu der Adresse bestellt – bis hin zu Leichenwagen, weil ich angeblich gestorben sein soll.

SPIEGEL: Was machen Sie, wenn es nachts kälter wird?

Winkler: Es gibt hier in meiner Heimatregion nicht mehr viele Hotels, in denen ich übernachten kann. Die haben die Schnauze voll. Nicht von mir, sondern von den Hatern. Vor Kurzem hatte ich mal eine Unterkunft, deren Standort nicht im Netz aufgetaucht ist. Es gab keine Probleme. Als ich ein paar Tage später wieder ein Zimmer gebucht hatte und dort ankam, lief das Personal von der Rezeption direkt auf mich zu und wies mich ab: »Nein warten Sie, halten Sie das Taxi auf, sie müssen gleich wieder gehen. Wir bekommen Tausende Anrufe und können Sie nicht bei uns übernachten lassen.« Es stand nichts von meinen Plänen vorher im Netz, ich habe keine Ahnung, wie die Hater das herausgefunden haben.

Begonnen hat der Hass gegen Winkler vor knapp neun Jahren, kurz nach dem Start seines Drachenlord-Kanals. Damals filmte er sich beim Videospielen oder beim Headbangen zu Heavy-Metal-Musik. Alles noch ziemlich harmlos. Das änderte sich, nachdem ein Mann Winklers Schwester im Netz mit Vergewaltigung gedroht haben soll. Er habe die Polizei einschalten wollen, erzählt Winkler, doch diese habe ihn auf der Wache weggeschickt. Daraufhin veröffentlichte er ein Video, brüllte seine Adresse ins Netz. Statt zu seiner Schwester sollten die Hater doch zu ihm kommen.

Das Video habe er nach zehn Minuten gelöscht, erzählt Winkler. Zu spät. Die Szene der Anti-Fans formierte sich und wurde im Laufe der Jahre immer größer. Sie nahmen seine Aufforderung, die eine verzweifelte Abwehr war, wörtlich. Ungebetene Besucher reisten bald von überall aus Deutschland in die 36-Seelen-Gemeinde, in der Winkler lebte, irgendwann kamen sie fast täglich, manchmal waren es 50 an einem Tag.

Sie warfen faule Eier, Farbbeutel und illegale Böller auf sein Haus. Sie lösten einen Feuerwehreinsatz vor seiner Tür aus und schickten Lkw-Ladungen voll mit Waren, die er nicht bestellt hatte. Ihre Demütigungen hielten sie in Videos fest, die 100.000-fach aufgerufen wurden und das Drachen­game weiter anfachten. Die Qualen eines Einzelnen wurden zum Unterhaltungsspiel für Tausende.

Im August 2018 versammelten sich rund 800 Hater in Altschauerberg, teils riefen Sie zum Sturm auf sein Haus auf. Die Polizei bekam die Lage erst mit hinzugezogenen Sonderkräften in den Griff

Regelmäßig bewachte die Polizei mit einer Reiterstaffel Winklers Haus, als dieser noch in Altschauerberg wohnte. Die Hater warteten dann teils im umliegenden Wald bis die Beamten Feierabend machten

Immer wieder reagierte Winkler auf die Provokationen seiner Gegner auf genau die Art, die sie sich erhofften. So etwa einen Tag vor Heiligabend 2019: Zwei Medizinstudenten standen vor Winklers Haus, belei­digten seinen verstorbenen Vater. Winkler kam aus dem Gebäude, brüllte herum und schlug zu. Seine Gegner filmten den Ausraster, vermutlich um später ein Video zur Unterhaltung der Hater-Szene hochzuladen. Sie wussten, dass Winkler bereits wegen solcher Angriffe vorbestraft war. »Wir bringen ihn in’ Knast«, sagte einer der beiden vor der kurzen Prügelei.

Im März 2022 wird Winkler zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt, angeklagt war er unter anderem wegen Körperverletzung

Rainer Winkler ging trotzdem darauf ein. Auch, um nicht ins Gefängnis zu wandern, verkaufte er das von seinen Großeltern gebaute Haus an die Gemeinde Emskirchen. Er habe gehofft, dass die Bürgermeisterin ihm helfe, eine neue Bleibe zu bekommen. Sie werde dafür sorgen, dass er eine Mietwohnung bekomme, habe sie zu Winkler gesagt, erzählt er. Die Bürgermeisterin bestreitet, ihm das versprochen zu haben, die Gemeinde habe es aber versucht. Ohne Erfolg.

SPIEGEL: Was war das Schlimmste, das man Ihnen bisher angetan hat?

Winkler: Das Schlimmste ist, dass es nie aufhört. Und dass ich mich daran gewöhnt habe.

SPIEGEL: Manchmal wirkt es, als wären Sie eine Symbiose mit Ihren Gegnern eingegangen: Sie können nicht ohne sie. Manche Leute sagen, Sie müssten nur aufhören, die Hater mit immer neuen Videos zu provozieren, dann würden Sie in Ruhe gelassen.

Winkler: Das ist keine Symbiose, es ist parasitär. Die Hater sind auf mich angewiesen. Es wird immer Leute geben, die sich mit mir beschäftigen, egal ob ich etwas hochlade oder nicht. Als ich in den letzten Wochen mal länger nichts veröffentlicht habe, wurde ich trotzdem weiter verfolgt und beleidigt.

SPIEGEL: Was tun die Behörden für Sie?

Winkler: Ich fühle mich von den Behörden im Stich gelassen. Das Landratsamt in Neustadt an der Aisch bemüht sich zwar, mir zu helfen, aber ich bin meist auf mich selbst gestellt. Und von Polizei und Staatsanwaltschaft hätte ich mir erhofft, dass Sie mehr gegen die Hater tun, die Straftaten gegen mich begehen. Ich werde systematisch gejagt, und fast kein Hater wurde dafür je verurteilt.

Soziale Netzwerke wie YouTube oder TikTok haben die Medienwelt und politische Debatten verändert, sie haben das Influencer-Marketing zu einem Milliardengeschäft gemacht und zahlreiche neue Stars hervorgebracht. Doch sie zerstören Menschen auch.

Winklers Fall dürfte in seinem Ausmaß einmalig sein, zugleich offenbart er ein Problem, das weit über Mittelfranken hinausgeht. Deutschlandweit berichtet jedes sechste Kind, bereits einmal Opfer von Cybermobbing geworden zu sein. In extremen Fällen schließen sich die Cybermobber zu Troll-Gruppen zusammen, um systematisch auf ihre Opfer loszugehen. Auf einer Online-Karte verzeichnen die Hater die vermeintlichen Standorte von Winkler, vor seinem Haus tauchten sie in den vergangenen Jahren mehrfach in großen Gruppen auf

Auf einer Online-Karte verzeichnen die Hater die vermeintlichen Standorte von Winkler, vor seinem Haus tauchten sie in den vergangenen Jahren mehrfach in großen Gruppen auf

Ein kalter, sonniger Sonntag Ende Februar in Altschauerberg. Es ist das letzte Wochenende vor Winklers Auszug aus seinem Haus. Unter den Besuchern sind einsame Teenager, aber auch eine Familie mit ihrer Tochter. Kaum einer will sich erklären, die meisten antworten verschämt.

Ein junger Mann, der am Ortsausgang auf Winkler wartet, bezeichnet ihn als »Fettsack« oder »den Dicken«, er sagt Sätze wie: »Er hat sein Leben verwirkt, seien wir ehrlich.« Er ist mit einer weiblichen Begleitung angereist, die er in einer Drachenlord-Hater-Gruppe kennengelernt hat. Er selbst leitet eine solche Gruppe bei Facebook, seiner Freundin gefallen die Videos, die er dort hochlädt. Eines zeigt einen Mann, der Winkler auf dessen Grundstück bepöbelt: »Komm runter, du Fotze. Komm runter, ich mach dich kalt.« Nahezu alle Fenster von Winklers Haus wurden im Laufe der Jahre zerstört, seine Wände wiederholt beschmiert und mit Farbbeuteln beworfen

Nahezu alle Fenster von Winklers Haus wurden im Laufe der Jahre zerstört, seine Wände wiederholt beschmiert und mit Farbbeuteln beworfen Foto: Der Spiegel

Seit Winklers Obdachlosigkeit mehren sich die Stimmen, die zur Mäßigung aufrufen und manche Aktionen sogar verurteilen, sie sind allerdings in der Minderheit. Wie groß die Szene ist, lässt sich nur schwer überblicken. Eine Datenauswertung des SPIEGEL zeigt, dass in den größten Gruppen und Foren zum Drachenlord innerhalb von zwei Oktoberwochen rund 58 000 neue Beiträge gepostet wurden. Das sind im Schnitt fast 3900 pro Tag. Einem Hater-Kanal auf der Plattform Telegram folgen rund 45.000 Menschen, eine Gruppe, in der es nur darum geht, seinen Standort zu ermitteln, hat rund 7000 Mitglieder.

Ihre Aktionen legitimieren Winklers Gegner gern damit, dass er nicht das Opfer, sondern der Täter sei. Tatsächlich veröffentlicht Winkler immer wieder schwer erträgliche Inhalte, einmal erzählte er, dass er sein eigenes Ejakulat probiert habe. An anderer Stelle verharmloste er den Holocaust, wofür er sich später entschuldigte. Mehrfach hat er Hater körperlich angegriffen. Doch nichts von dem, was Winkler getan hat, rechtfertige auch nur annähernd die Attacken seiner Jäger, sagt jemand, der die Akten aus Winklers Prozess kennt.

In der Verhandlung kritisiert die Richterin öffentlich die Masche, mit der die Hater ihre Angriffe rechtfertigen: Es sei »empörend, dass Leute sich daran ergötzen, jemanden psychisch so fertigzumachen und zu provozieren, um ihn in den Knast zu bringen, und dass sie sich dann hinterher als Retter der Nation aufspielen«.

Winkler fand in all den Jahren nicht heraus aus der Eskalationsspirale des Hasses und der Demütigungen. Bis heute gibt er dem Mob immer wieder, was der verlangt – Wutausbrüche inklusive.

SPIEGEL: War es ein Fehler, dass Sie Ihre Adresse ins Netz geschrien haben?

Winkler: Ich habe das Video damals veröffentlicht, um die Aufmerksamkeit von meiner Schwester abzulenken. Am Ende stand ich fast allein da. Ich habe meine Familie verloren, viele Freunde und alles, was ich mir in den Jahren nach dem Tod meines Vaters aufgebaut hatte.

SPIEGEL: Warum bleiben Sie bis heute in der Nähe ihrer Heimat, wo viele Sie leicht erkennen?

Winkler: Was soll ich denn tun? Vielleicht ist es ein bisschen wie bei einem verletzten Tier, das in dem Gebiet Schutz sucht, wo es sich auskennt.

SPIEGEL: Eine Unterkunft für Wohnungslose kommt für Sie nicht infrage?

Winkler: Das wird nicht funktionieren. Nach wenigen Tagen würde ich auch dort entdeckt und wieder wegschickt.

SPIEGEL: Sie haben selbst Straftaten begangen.

Winkler: Meine Körperverletzungen waren natürlich ein Fehler. Aber als die Hater gezielt mit Provokationen vor meinem Haus standen, konnte ich mich nicht mehr darauf verlassen, dass die Polizei schnell genug kommt. Ich habe wiederholt erlebt, dass die erst vor Ort war, als die Hater schon wieder abgehauen waren.

Der August 2018 hätte ein Wendepunkt im Fall Winkler sein können. Damals ging die Polizei mit einem Großaufgebot gegen die Menge vor, die sein Haus stürmen wollte. Sogar der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) schaltete sich ein: »Wir werden alles dafür tun, um die Ruhe in diesem Dorf wiederherzustellen«, sagte er bei einem Ortsbesuch in die TV-Kameras. Ein Versprechen, das seine Behörden nicht einzulösen vermochten.

Kaum ein Polizist kennt das Drachengame so gut wie Siegfried Archut. Er leitet die Polizeiinspektion in Neustadt an der Aisch, hat schon oft selbst mit Winkler geredet. Seine Dienststelle wird zeitweise von Anzeigen gegen Winkler überflutet und so ebenfalls für die Jagd auf den Drachenlord instrumentalisiert. Über die Hater und ihren »Sensationstourismus« sagt Archut: »Ich kann nicht begreifen, wie man solche teils bösartigen Straftaten gegen jemanden begehen kann, den man nur aus dem Netz kennt.« Er verliere da manchmal den Glauben an die Menschheit.

Der Mob überfordert den Staat. Auch weil der nie zu einem richtigen Umgang mit Winkler fand. Seine Beamten könnten Troll-Gruppen im Internet nicht gezielt überwachen, räumt Archut ein. Von der zuständigen Staatsanwaltschaft Nürnberg heißt es, dass man mittlerweile etwas mehr als 150 Verfahren eingeleitet habe. Eine anscheinend magere Ausbeute angesichts der Masse an Vergehen von denen Winkler berichtet. Im letzten halben Jahr seien trotz der andauernden Hater-Aktionen nur eine Handvoll Verfahren hinzugekommen, heißt es von der Staatsanwaltschaft.

Weder bei der Polizei vor Ort noch beim bayerischen Landeskriminalamt oder dem Bundeskriminalamt gibt es gebündelte, spezialisierte Ermittlungsgruppen gegen die organisierte Cybermobbing-Szene.

SPIEGEL: Wie oft haben Sie sich in den vergangenen zehn Jahren an die Polizei gewandt?

Winkler: Schätzungsweise 500- bis 700-mal.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass Ihre Situation heute eine andere wäre, wenn es mehr erfolgreiche Ermittlungen und Verurteilungen gegeben hätte?

Winkler: Ich denke, dass dies den Hass zumindest hätte bremsen können. Mein Leben hätte dann einen anderen Verlauf genommen.

SPIEGEL: Die Polizei sagt, dass Straftaten wie Beleidigungen hätten angezeigt werden müssen.

Winkler: Ja, das stimmt. Ich habe irgendwann aufgehört alles anzuzeigen. Erstens kosten diese ganzen Anzeigen viel Zeit. Außerdem hat die Polizei oft keine Personalien der Täter aufgenommen. Weil die Ermittlungen meist ergebnislos eingestellt wurden, habe ich irgendwann resigniert.

Auch finanziell wird es für Winkler langsam eng. Das Geld aus dem Hausverkauf geht aus, er musste Schulden begleichen. Inzwischen hat er einen Antrag beim Jobcenter eingereicht und hofft dort auf Unterstützung. Doch selbst da scheinen seine Gegner zu sitzen: So gaben Hater bekannt, dass sie aus dem Jobcenter von einem bisher geheimen Plan Winklers erfahren hätten, mit einer Produktionsfirma für Netflix-Dokumentationen zusammenzuarbeiten. In ihren Onlinegruppen breiteten sie genüsslich aus, wie viel Geld er bekommen haben soll.

Winkler selbst wird in den nächsten Wochen wohl erst mal weiter von Unterkunft zu Unterkunft ziehen oder tageweise auf der Straße schlafen, gleichzeitig denkt er darüber nach, sich vor den Hatern ins Ausland zu flüchten.

Einige Hoteliers in der Gegend warnen sich bereits gegenseitig vor Winkler und dem Mob, der auf sie zukommt, wenn sie ihn beherbergen. Andere haben Mitleid. »Es ist ein Unding, dass man einen Menschen dermaßen jagt. Das ist kein Spiel mehr«, sagt eine Hotelchefin. Es tue ihr leid, dass sie Winkler auf die Straße gesetzt habe. Unterdessen geraten auch Winklers letzte Unterstützer ins Visier: Ende Oktober steht wegen eines falschen Alarms ein Feuerwehrzug vor dem Haus von einem der wenigen Anwohner, die dem Drachenlord über all die Jahre geholfen haben. Winklers ehemaliger Heimatort Altschauerberg war jahrelang eine Pilgerstätte für seine Gegner

Winklers ehemaliger Heimatort Altschauerberg war jahrelang eine Pilgerstätte für seine Gegner Foto: Der Spiegel Der Hof von Winkler ist inzwischen weitgehend abgerissen

Der Hof von Winkler ist inzwischen weitgehend abgerissen Foto: DER SPIEGEL

Eines der letzten Videos von Rainer Winkler trägt den Titel: »Mein Leben auf der Straße. Der Anfang vom Ende.« Er filmt sich, wie er in einer Montagnacht im August durch seine Heimatgemeinde irrt, erzählt, dass er schon geweint habe, und deutet Suizidgedanken an. »Vielleicht wäre es am einfachsten, wenn ich einfach Schluss mache.«

In den Kommentaren unter dem Video findet sich keinerlei Empathie, Besorgnis oder Unterstützung. »Mein Beileid hält sich in Grenzen«, schreibt einer. »Das ist so befriedigend anzusehen. Endlich bekommt der Mann, was er verdient«, kommentiert eine andere.

Winkler behauptet, er lese sich die Kommentare nicht mehr durch.

Mitarbeit: Roman Höfner, Jean-Pierre Ziegler.

Reiner wird hier wieder größtenteils als das Opfer dargestellt, auch wenn nicht komplett ignoriert wird, dass er selbst auch provoziert. Kann man von halten was man will, die Bilder aus dem Artikel sind dagegen ganz amüsant:

Nach der Veröffentlichung des Artikels hat sich herausgestellt, dass die Bilder anscheinend noch Metadaten des Photographs enthielten. Darunter findet man den Aufnahmezeitpunkt und meistens noch genauere Informationen zur verwendeten Kamera. Angeblich steht dort auch, dass der Photograph nicht als Urheber der Bilder genannt werden möchte und im gleichen Satz wird dann der volle Name des Photographs genannt. Das hört sich mal wieder so absurd an, dass es fast stimmen könnte, denn die Metadaten werden normalerweise vor der Veröffentlichung entfernt.

Es sollte niemanden überraschen, dass der Photograph daraufhin auf Google viele, fast ausschließlich schlechte, Bewertungen bekam. Wie immer sollte klar sein, dass so etwas nicht nur unbeteiligten schadet, absolut nicht witzig ist und auch gleichzeitig Reiner in seinen Behauptungen gegenüber den Haidern bestärkt.

Dann wurde angeblich der Vertrag für die Netflix Dokumentation über Reiner geleakt. Ob der Vertrag echt ist, lässt sich natürlich nicht sagen, allerdings sieht er zumindest auf den ersten Blick relativ glaubwürdig aus. Die Firma, welche die Dokumentation produzieren soll und den Vertrag erstellt hat gibt es und der Autor der PDF ist auch auf der Webseite dieser zu finden. Wenn der Vertrag echt ist, bekommt Reiner insgesamt 20.000€ für die Rechte an der Dokumentation, an der er laut Vertrag auch selbst mitwirken soll. 5.000€ hätte er dann durch das Unterschreiben des Vertrags bekommen und den Rest in weiteren drei Raten. Auch hier ist es wieder so, dass die Absurdität einen dazu verleitet dem ganzen Glauben zu schenken, aber solange man die vermeintliche Dokumentation nicht auf Netflix oder sonstwo sieht, ist das ganze nicht mehr als ein Gerücht.

Zum Schluss noch ein paar Forenposts:

“Es ist keine Symbiose, es ist parasitär:
So und nicht anders drückt sich Reiner Winkler aus.

 

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